Shitstorm

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Hügelig, zum grössten Teil versiegelt, teilweise auf Meereshöhe und erdbebengefährdet – San Francisco ist eine harte Nuss für Wasserver- und Abwasserentsorger.

Die grösste Angst auf Kommunikationsstellen – ab und zu auch auf solchen in der Wissenschaft – ist die vor einem Shitstorm. Irgendeine Tatsache oder Botschaft könnte einen Sturm der Entrüstung (so die anständige Duden-Übersetzung des Begriffs) über ein Institut ausschütten. Gemeint sind vorwiegend Internetmedien, ob sozial oder nicht, sei dahingestellt. Gequälte Versuchstiere, ein raffgieriger oder frauenfeindlicher Professor, ein vielleicht zu Unrecht entlassener Kurator oder gezinkte Daten: Das wären Auslöser, selbstverständlich frei erfundene.

sanfrancisco_DSC03451-kDas Wochenmagazin SF-Weekly hat eine fünfseitige Titelgeschichte gemacht, welche den Begriff sehr wörtlich interpretiert: Weil hier in San Francisco wie in den meisten Schweizer Stadtzentren häusliches Abwasser gemeinsam mit Wasser von Strassen und Dächern zur Kläranlage fliesst, kommt es bei starken Regenfällen zu Überläufen. Dummerweise erfolgen die teilweise nicht dort, wo sie sollten, sondern fluten auch schon mal Keller oder Erdgeschosse mit einer übelriechenden Brühe. „Warum kann eine der reichsten Städte der Welt nicht verhindern, dass unbehandeltes Abwasser in Wohnhäuser fliesst?“ lautet darum die Kernfrage des Artikels. Was dann folgt, ist eine zwar etwas langfädig, aber schön recherchierte „people story“, unter anderem über Susan Garduno und Raoul Corbar, deren trautes Heim im Dezember 2014 von einem solchen sehr unangenehmen Rückstau betroffen war. Den Artikel mit Bildern gibt es auch online: hier.

Das Problem sind nicht primär die Klagen von Garduno und Corbar und ihrer Nachbarn über das Ereignis an sich, sondern dass die Stadtwerke (SFPUC) ihrer Meinung nach bisher zu wenig unternommen haben. Weder seien die Schäden behoben, noch Abhilfe in Sicht, dass es nicht wieder passiert, lautet der O-Ton. Zwar gibt es Projekte, etwa der Bau eines Entlastungsstollens. Doch die liegen in Preisklassen zwischen 65 und 250 Mio. Dollar und sind entsprechend nicht jetzt noch rasch umzusetzen, bevor diesen Winter mit El Niño eventuell erneut starker Regen kommt. Zudem verdächtigen die Bewohnerinnen und Bewohner des betroffenen Cayuga-Quartiers die Stadtwerke, dass diese weiter oben am Hügel, in reicheren Wohngegenden, die Kanalisation ausgebaut hätten, weshalb sich das Wasser nun bei ihnen staue. Ein neuer Autobahndamm verhindere das Abfliessen des Wassers, die weiterführenden Rohrdurchmesser seien zu klein. Im Internet kämpfen die Betroffenen daher für „echte“ Lösungen statt bloss Sandsäcken und Sitzungen. www.SolutionsNotSandbags.org

Aus inhaltlicher Sicht erstaunlich, ist für mich, wie detailliert die Journalistin sich zur Hydraulik von Kanalisationssystemen äussert. Sogar komplizierte Abflussformeln werden publiziert (eine Herausforderung, welcher nur die Printversion von SF-weekly gewachsen ist), und auch die Quartierbewohner hätten einen Schnellkurs in Hydraulik besucht, schreibt sie. Toll, denke ich, die Leute hier wollen es wirklich genau wissen. So gut informierte Direktbetroffene lassen sich denn auch mit gut dotierten Kommunikationsstellen nicht abwimmeln – was eh nie der Auftrag eine Kommunikationsstelle sein darf. Ganz fair ist der Beitrag in der Hinsicht nicht. So werden die ehrlichen Antworten der Stadtwerk-Sprecherin und eines –Sprechers gerne mit „…weicht x aus“ oder „…windet sich y“ abgeschlossen.

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Screenshot aus dem Youtube Video: Sidewalk Garden Project Planting Day; Quelle: SFPUC.

Trotz allen Mitgefühls für die Betroffenen, merken die Leserin und der Leser dann aber doch, dass Lösungen eben tatsächlich nicht so einfach sind und kein System alle Extremereignisse schlucken kann. Die Stadtwerke investieren in den nächsten 20 Jahren mehrere Milliarden Dollar in die Erneuerung des über 100jährigen Abwassersystems von San Francisco – es gibt ein eigentliches Programm (das Sewer System Improvement Program / SSIP) dafür und auch eine gute Kommunikation. Dazu gehört auch der Einbezug von Anwohnern, etwa beim Begrünen von Trottoirs, wo Regenwasser versickern kann. Siehe Video auf Youtube.

Abgesehen von einigen bissigen Kommentaren direkt auf SF-Weekly ist es wohl nicht zuletzt dieser kontinuierlichen und transparenten Kommunikation zu verdanken, dass der digitale Shitstorm klein geblieben ist. Wer erst reagiert, wenn ein solcher Artikel publiziert ist, kommt zu spät. Zudem haben die SFPUC-Kommunikationsleute die Gewissheit, dass auch ihre Chefs den Slogan „more action less talk“ ernst nehmen und nicht bloss Leute auf teure Konferenzen entsenden (was letzte Woche auch eine Zeitung kritisiert hat).

Ich beneide die Wasserleute in San Francisco nicht. Nicht genug, dass sie das Trinkwasser aus über 200 Kilometer Entfernung beschaffen müssen (siehe „Die Töss nach Mailand umleiten“), dass sie zwei und an gewissen Orten drei getrennte Wassersysteme betreiben müssen, um hoffentlich auch nach Erdbeben Löschwasser zu habe, dass sie in einer völlig zugebauten und sehr hügeligen Stadt ein über 100jähriges Kanalisationssystem erneuern müssen. Mit der Klimaveränderung kommen jetzt auch noch Sorgen dazu, dass Starkregen gehäuft auftreten könnten und dass der Meeresspiegel steigen wird – grosse Teile der City sind auf aufgeschüttetem Land erbaut. Auch da, wo die Büros der swissnex liegen, landeten einst die Einwanderer- und Handelsschiffe an.

The longer upgrades are delayed, the more expensive they become. Je länger Verbesserungen aufgeschoben werden, umso teurer werden sie. Dieser Slogan des Kanalisations-Aufwertungsprogramms gilt aus meiner Sicht auch für die Kommunikation: Wer in der Hoffnung, einen Shitstorm zu vermeiden, nicht kommuniziert, wird das früher oder später teuer bezahlen. Übrigens erneut ein Befund, der auch in der Studie „Beyond User Acceptance: A Legitimacy Framework for Potable Water Reuse in California“ bestätigt wurde.

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Wenn der Meeresspiegel steigt (links ohne, rechts trotz drastischer CO2-Reduktion), stehen grössere Teile von San Francisco unter Wasser. Simulation auf: http://choices.climatecentral.org/index.html#12/37.7772/-122.4196?compare=scenarios&carbon-end-yr=2100&scenario-a=unchecked&scenario-b=extreme-cuts
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