Die Töss nach Mailand umleiten

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Hetch Hetchy Reservoir im Yosemite Nationalpark. Granit und ein paar erste Regentropfen in der Sierra.

Wasser aus dem Yosemite Nationalpark und angrenzenden Bergen versorgt über 2,6 Millionen Leute in San Francisco und rund um die San Francisco Bay. Diese Woche erhielt ich Gelegenheit, das Hetch Hetchy System mit den Stadtwerken San Francisco auf einer zweitägigen Tour zu besichtigen. Auch wenn die Hetch Hetchy Wasserversorgung nicht die grösste ist in Kalifornien, so ist es für mich doch unglaublich, wie Trinkwasser in Pipelines aus über 200 Kilometern Entfernung in die City hertransportiert wird, täglich rund 900‘000 Kubikmeter. Zum Vergleich: Das wäre ungefähr, als ob die beiden Flüsse Glatt und Töss nach Mailand umgeleitet würden oder als ob Zürich sein Trinkwasser aus dem Genfersee pumpen müsste. Apropos pumpen: Genau das muss man im Hetchy-System praktisch gar nicht. Die drei Stauseen liegen alle auf rund 1200 müM, so dass das Wasser am Ausgang der Sierra auch noch Strom generieren kann – fast 20% von San Franciscos Bedarf. Auch eine (aufwändige) Filtration ist nicht nötig. Die grosse Distanz des Einzugsgebiets zu jeglicher Industrie und der Nationalpark mit seinen Granitfelsen „schützen“ das blaue Gold ausreichend. Einzig eine UV-Desinfektion (in Moccasin) und später noch eine Chlorierung zum Schutz gegen allfällige Krankheitserreger werden durchgeführt. Allerdings muss zwischendurch die Chlorierung unschädlich gemacht werden, weil ein Grossteil des Hetchy-Wassers nahe bei der City in einem See (Crystal Springs Reservoir) zwischengelagert wird, wo Fische leben.

Es gäbe noch viel über das Hetch Hetchy Wasserversorgungssystem zu berichten, aber das sprengt meinen Blog. Wer sich interessiert, kann auf www.sfwater.org stöbern. Ich empfehle, die Broschüre (pdf zum Download) „A History of the Municipal Water Departement & Hetch Hetchy System” von 2005.

Mit dem Infomaterial auf dem Web, Broschüren, Newsletter, Informationen auf den Wasserrechnungen etc. sind wir dann ja auch bei der Kommunikation angelangt, samt der Tour selbst, versteht sich. Die Stadtwerke (San Francisco Public Utilities Commission, SFPUC) laden dazu nämlich nicht in erster Linie Eawag-Medienleute aus der Schweiz ein, sondern Gäste, von denen sie sich einen Multiplikatoreneffekt erhoffen, sofern diese nach der Tour Gutes erzählen. Unsere kleine Gruppe bestand aus einer Vertreterin des Bürgerkomitees (Citizens‘ Advisory Committee), Anwohnern eines der ältesten Reservoirs in der Stadt, einem pensionierten NASA-Ingenieur, einem Ehepaar, das einen Quartiergarten leitet sowie drei teils langjährigen Mitarbeiterinnen aus der SFPUC Verwaltung, die zu meinem Erstaunen alle noch nie da waren, wo ihr Wasser herkommt.

Famos und mit grosser Sachkompetenz geleitet wurde die Exkursion von Alison Anja Kastama aus dem rund 20köpfigen Kommunikationsteam der SFPUC. Auch der Chef des gesamten Wasserbereichs, Steven Ritchie, begleitete die Gruppe. Die Infos kamen also aus erster Hand und nicht von irgendwelchen schnell gebleichten Praktikanten. In einem vor kurzem von der Eawag und dem UC Water Center in Berkeley publizierten ES&T-Paper über Erfolg oder Misserfolg von Wasserrecycling-Projekten hierzulande war das einer der wichtigen Befunde: Die Chefs und die Experten müssen persönlich zu den Leuten reden. Tönt banal, aber wird z.B. im Krisenfall oft „vergessen“, wenn der Chef dann irgendeinen Sprecher vorschiebt. Link zum Paper: Beyond User Acceptance: A Legitimacy Framework for Potable Water Reuse in California. (Siehe auch Beitrag in den Eawag News)  

Klar, sauberes Trinkwasser ist ein Sympathieträger. Kommunikation dazu scheint einfach. Doch die SFPUC Leute nehmen ihren Auftrag nicht auf die leichte Schulter. Denn obwohl 2.5 Millionen Menschen Hetchy-Wasser trinken, gibt es auch Konflikte. Muss das Wasser wirklich mit Fluor versetzt werden? Darf das gemäss Gesetz als Trinkwasser bestimmte Wasser auch zum Bewässern in Urban Farming Projekten verwendet werden? Oder die Bewegung Restore Hetch Hetchy, welche sich dafür einsetzt den Hetch Hetchy Staudamm („a great American mistake“) abzubrechen und das Tal in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuführen – da müssen Argumente her. So werden Ritchie und Kastama nicht müde zu betonen, wie der Nationalpark und die Wasserversorgung mit dem Schutz der natürlichen Ressource doch eigentlich das gleiche Ziel verfolgen und voneinander profitieren. Ausserdem zahlt die SFPUC der Yosemite-Verwaltung jährlich vier bis fünf Millionen Dollar: Vom Parkranger über den Wegunterhalt zum Betrieb der Kleinkläranlage beim Campingplatz bis zu Revitalisierungsmassnahmen am Tuolumne Fluss wird vieles davon bezahlt.

Drei weitere Punkte zur Kommunikation aus persönlicher Sicht:

  • Stolz: Die SFPUC sind stolz auf „ihre“ Wasserversorgung und deren weit vorausschauenden Väter. In der Kommunikation versuchen sie diesen Stolz und diesen Respekt weiterzugeben. „Das System ist genial, wenn man zudem bedenkt, mit welchen Mitteln es um 1920 erstellt wurde. Heute meinen viele, man müsste es verbessern, aber das ist kaum möglich und auch kaum nötig“, sagt Ritchie. Was natürlich nicht heisst, dass nicht in Erneuerung und gewisse Optimierungen investiert würde. Das kommt gut an bei den Empfängern – storytelling über gute Ideen und gute Menschen, sozusagen.
  • Demokratisch: SFPUC versuchen, dem System eine demokratische Legitimierung zu geben. Dazu gehören solche „Promo-Touren“ oder der ernsthafte Einbezug der Bürgerkommitees, auch wenn die Betreuung deren eifrigen Mitglieder bisweilen viel Geduld erfordert. Eine Privatisierung der Wasserversorgung käme nie in Frage. Schon einmal hat eine private Gesellschaft (die Spring Valley Water Company) sich eine goldene Nase verdient mit Wasser für San Francisco. Ab 1870 hat die Stadt mehrmals versucht, diese Firma zu kaufen, erst 1930 ist es gelungen. Zurück will niemand. Kommunikation, auch zu komplexen Themen, hat immer etwas Aufklärendes an sich – ob als Basis oder Effekt von demokratischen Prozessen ist sekundär.
  • Optimistisch: Wie das grosse Erdbeben von 1906, respektive die Brände und das fehlende Löschwasser, das Hetchy-Projekt beschleunigt hat, führt aktuell die Dürre dazu, dass die Leute über Wasser reden. Viele Plattformen stehen weit offen für die Kommunikation. „Neulich“, so berichtet eine Teilnehmerin auf der Tour, „wurde bei uns vor dem Haus ein Hydrant umgefahren. Die Fontäne setzte die ganze Strasse unter Wasser. Aber die Leute haben sich nicht geärgert, sondern sind mit Kübeln gekommen, um das Wasser in ihre Vorgärtchen zu giessen.“ Das Bild von den positiv denkenden Kalifornierinnen und Kaliforniern scheint sich zu bewahrheiten. Das Motto „Wir schaffen das – let’s go“, ist spürbar, egal ob Erdbeben oder Dürre. Die Medien dagegen tendieren, abgesehen von Tech-Magazinen, mehr zu negativen, konfliktbeladenen Geschichten. Optimismus versprühen wird mit unkritisch sein oder mit Agitation gleichgesetzt. In gut recherchierten und gut aufbereiteten positiven Geschichten liegt also noch viel Potential.
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2 Gedanken zu “Die Töss nach Mailand umleiten

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