Small World, durchsichtige Köpfe und das schönste Sitzungszimmer

Hans Janosch und Josh Plant vom Mbari reparieren eine Messboje im Elkhorn Slough.
Hans Janosch und Josh Plant vom Mbari reparieren eine Messboje im Elkhorn Slough.

Manchmal ist die Welt wirklich klein – auch in Amerika, wo sonst fast alles etwas grösser ist als in der Schweiz. Am Montag habe ich im Elkhorn Slough (ein Wattarm in der Monterrey Bay) ein Kajak gemietet, um die Seehunde und Seeotter zu beobachten. Die habe ich auch gesehen. Aber dann habe ich auch zwei Männer gesehen, die mit einem kleinen Motorboot bei einer Boje am Hantieren waren. Beim Näherkommen sah ich, dass es eine Messboje war. Mein Interesse als Vertreter eines Wasserforschungsinstituts war geweckt. „Aha, von der Eawag kommst du“, sagte der eine, „die kennen wir gut.“ Es war Hans Jannasch, der mit den ehemaligen Eawag-Forschern Mike Sturm und Rene Schwarzenbach zusammengearbeitet hat. So kam ich am Nachmittag zu einer Privatführung im Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquariums.

Das Monterey Bay Aquarium Research Institute, kurz MBARI, ist eine unabhängige nonprofit Forschungsinstitution. Während das berühmte Aquarium von seinen Töchtern aufgebaut wurde, hat es IT-Unternehmer David Packard (Hewlett-Packard) 1987 selbst gegründet und es wird bis heute zum grössten Teil von der Packard Foundation finanziert. Das Mbari (die Abkürzung wird hier als Wort gesprochen) kombiniert Ozean-Forschung und Entwicklung von dafür benötigten Instrumenten und Methoden. Viele der heute irgendwo in den Weltmeeren schwimmenden, datensammelnden Messbojen oder Unterwasservehikel und –kameras stammen vom Mbari. Das Besondere: Alle hier entwickelte Technik ist „open source“. Sie soll auch anderen Forschungsgruppen zur Verfügung stehen. So wurde kürzlich ein Unterwasser-Kamerasystem SeeStar entwickelt, das mit per Internet erhältlichen Teilen in jeder guten Werkstatt hergestellt werden kann. Selbst die Software dazu stellt das Mbari zur Verfügung. Kommerziell erhältliche Systeme kosten über 20‘000$, der Mbari Kit kann für rund 2500$ zusammengebaut werden.

Sitzungszimmer mit Option zum Whale-Watching.
Sitzungszimmer mit Option zum Whale-Watching.

Hans Jannaschs Kollege, Josh Plant, führt mich durchs Institut, in welchem rund 200 Leute arbeiten, je zu einem Drittel WissenschaftlerInnen, Bootsleute, sowie TechnikerInnen und Verwaltungsangestellte. Die Labore sehen ähnlich aus wie anderswo. Bloss in der Versuchshalle gibt es – anders als an der Eawag – keine Abwassertanks, sondern ein zehn Meter tiefes riesiges Wasserbecken: Hier können die neu entwickelten Gerätschaften getestet werden, bevor sie ins stürmische Meer kommen. Am meisten haut mich aber das Sitzungszimmer vom Sockel: Freie Sicht auf die Monterey Bay. Per Fernglas sehe ich sogar zwei Buckelwale und ihre Dampffontänen. “Manchmal kommen sie ganz nahe“, sagt Josh. Ob die Sitzungen dann noch effizient sind?

PIO Kim Fulton-Bennett
PIO Kim Fulton-Bennett

Kim Fulton-Bennett ist die Einmann-Kommunikationsabteilung des Mbari. Nur für den Jahresbericht kann er auf eine Spezialistin zurückgreifen und ab und zu für Social Media Einträge. Trotzdem nimmt auch er sich kurz Zeit, sich mit mir zu unterhalten. Dazwischen klingelt das Telefon: BBC will für eine Jugendsendung filmen kommen. Cool. Aber aufwändig. Überhaupt, so interpretiere ich Kims Aussagen, nimmt die reaktive Medienarbeit den grössten Teil der Arbeitszeit in Anspruch. Die spektakulären Bilder von skurrilen Unterwassermonstern gleichen das mediale Jöhh-Defizit (das Mbari kümmert sich nicht um Delphine oder Wale) aus. Ein einziges Mbari-Video zum Beispiel, das mit dem Fisch mit durchsichtigem Kopf, wurde schon 4.8 Millionen mal angeklickt! Auf Facebook (MBARInews ) und Twitter (@MBARI_news ) hat das Mbari rund 1600 Follower. Man ist also präsent. Ein Ausbau der Medienstelle wird von den Chefs nicht mit erster Priorität behandelt.

Sie soll dereinst Daten zum Stickstoffkreislauf im Ozean liefern. Prototy einer neuen Boje.
Sie soll dereinst Daten zum Stickstoffkreislauf im Ozean liefern. Prototy einer neuen Boje.

Frag sich bloss, ob die Präsenz auch mit den „richtigen“ Geschichten stattfindet. In einer immer mehr viral funktionierenden Newswelt den Lead zu einem Thema nicht ganz zu verlieren ist für einen PIO (= Press oder Public Information Officer) eine der grössten Herausforderungen. Kim sagt dazu: „Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten als nur die klassischen Wege. Aber wir haben viel weniger Kontrolle. Oft hat im Web schon jemand über das Neueste berichtet, bevor ich dazu gekommen bin, eine Medienmitteilung zu schreiben. Interessierte Laien wissen über online publizierte News manchmal sogar vor den involvierten Forschern Bescheid.“

Was also tun? „Wenn uns etwas wichtig ist“, so Kim, „produziere ich trotzdem klassische Medienmitteilungen. Dann kann ich bei allen Halbwahrheiten, die publiziert werden, bei Anfragen immer wieder sagen: ‚Hier finden Sie die ganze Story.‘“ Sogar Faktenblätter-ähnliche Publikationen hat er schon erstellt, wenn die Spekulationen zu bunt wurden, zum Beispiel als nach Fukushima seltsame Gerüchte über die Radioaktivität am Grund des Ozeans die Runde machten. Back to the roots, also. Diese Wurzeln kennt Kim gut. Wie der Ko-Leiter des Ressorts Wissen&Digital  von Tages-Anzeiger und Sonntagszeitung, Nik Walter, hat er an der University of California in Santa Cruz, nicht weit vom Mbari entfernt „Science writing“ studiert. Walter hat 2014 den Prix Média von scnat gewonnen.

Einige weitere Bilder…

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2 Gedanken zu “Small World, durchsichtige Köpfe und das schönste Sitzungszimmer

  1. Da bist du den Seeottern und Wissenschaftskommunikatoren ja echt nahe gekommen! Cool!
    Habe auch sehr gute Erinnerungen an unseren Ausflug nach Monterey. Bist du auch schon bei den Seeelefanten gewesen? Liebe Grüsse, Martina

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    1. Danke für die Grüsse Martina – nein, bei den Seeelefanten war ich nicht, ausser bei den kranken im Marine Mammal Center in Sausalito. Die letzten Tage waren voll mit Bay Area Science Festival. Darum bin ich gar nicht mehr zum bloggen gekommen. Und jetzt habe ich eigentlich Ferien… Noch 4 Tage in San Francisco und dann haben wir einen Campervan, um noch fast zwei Wochen rumzufahren. Die auch viele Grüsse, Andri

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