Eine Informationskampagne wird lustvoll

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Braun ist da neue Grün. Auch vor dem Kapitol in Sacramento.

Dieser Beitrag richtet sich nicht an die Puristen unter den Wissenschaftsvermittlern …sofern es die noch gibt. Aber alle, die sich mit dem Erforschen und Vermitteln von Erkenntnissen letztlich auch spürbare Veränderungen erhoffen, könnten hier in Kalifornien vieles beobachten. Zusammen mit verschiedensten Wasserinformationen und -kampagnen hat es die Kombination aus behördlich verfügten Sparzielen, drastischen Bildern von leeren Reservoirs und im eigenen Vorgärtchen spürbarer Trockenheit in den letzten drei Jahren geschafft, dass daraus auch eine lustvolle Bewegung geworden ist. Wie kann man am meisten Wasser sparen? Wer hat die originellsten Ideen? Welche Gemeinde übertrifft die gesetzten Ziele am deutlichsten? So lauten plötzlich die Fragen.

Eine der zahlreichen Organisationen, die dahinter steckt, ist die Association of Californa Water Agencies, also die Vereinigung der Wasserversorger, sozusagen das Gegenstück zum schweizerischen SVGW hierzulande. Schon am Eingang der ACWA-Büros in der Hauptstadt Sacramento wird klar, dass dieser Verband eine starke Kraft ist. Golden glänzt das Messingschild und bevor man weiter darf, will eine freundliche Dame am Empfang schon viel wissen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Meine Luxusdusche in Muschelkalk mit Power-Shower-Aufkleber:
Meine Luxusdusche in Muschelkalk mit Power-Shower-Aufkleber: Song starten, einseifen, spülen, fertig. Jetzt brauche ich bloss noch einen wasserdichten mp3-player…

Eine der lancierten Aktionen – innerhalb der Kampagne save our water – ist die morgendliche Power Shower Hour von 7 bis 8 Uhr. Lokalradios ermuntern ihre Hörerinnen und Hörer, nur solange zu duschen, wie ein bestimmtes Musikstück dauert. „In manchen Gemeinden ist das Wassersparen zum gemeinsamen Nenner, wenn nicht sogar zu einem neuen way-of-life geworden“, sagt der Radioman Wayne Coy. „Wir bekommen laufend Telefone von Leuten, die nachfragen, wie lange der Song gewesen sei.“ Kürzlich hat er „Faith“ von George Michel gespielt, ein 3-Minuten-Song. Da habe er schon ein wenig ein schlechtes Gewissen gehabt. „Einige haben wohl am Schluss noch Shampoo im Haar gehabt, und ein Hörer hat angerufen und erklärt, er würde nur noch zusammen mit seiner Freundin duschen“, sagt Coy. Die drei Distrikte, wo die Radiokampagne läuft haben das behördliche Sparziel von 27% (gegenüber dem gleichen Monat 2013) mit fast 40% weit übertroffen.

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Wayne Coy vom Lokalradio KKIQ (Foto von Michael Macor, The Chronicle)

Klar, weniger lang duschen kann die Welt nicht retten. Andere Probleme, etwa die unselige Bewässerung auf Böden, die für die Landwirtschaft gar nicht geeignet sind, müssen anders gelöst werden. „Aber“, sagt Sue Stephenson, die Sprecherin der Dublin San Ramon Wasserversorgung, „es hat die Leute auch in anderen Bereichen achtsam gemacht im Umgang mit Wasser.“ Sie selbst, so Stephenson, schaffe es nicht immer bis zum Songende fertig zu werden in der Dusche. „Ich habe lange Haare“, entschuldigt sie sich. Aber sie hat die Lösung auch schon bereit: Wasser nach dem Einseifen abstellen gibt beim nächsten Song zwei Bonus-Strophen.

Es gibt Wettbewerbe, wer den braunsten Rasen hat, freche Plakate im Bus und (nicht ganz uneigennützig gemeinte) Schilder im Restaurant: „Drink Wine not Water“. Felicia Marcus, die Chefin der Kalifornischen Wasserbehörde warnt im Chronicle trotzdem: „Jetzt nur nicht zurücklehnen.“ Marcus überlässt es den Gemeinden, wie sie die Ziele erreichen. Neben Kampagnen setzen einige auch auf hohe Bussen. Santa Cruz zum Beispiel hat allein seit Juni 1.8 Millionen Dollar Busgeld eingenommen für exzessiven Wasserverbrauch.

Ich habe mit einigen Leuten geredet, was ihrer Ansicht nach der Grund sei für ein solches erfolgreiches Minusmarketing. Drei Punkte wurden mehrfach genannt:

  • Die Bilder der Trockenheit sprechen eine starke Sprache (kein Wunder werden sie auch in Schweizer Medien regelmässig publiziert);
  • die Trockenheit ist für viele jetzt schon im dritten Jahr sicht- oder sogar spürbar;
  • die kollektive Lust der Amerikaner am Wettstreit und am Vergleichen sowie die spielerischen Ansätze lassen den staatlichen Druck (oder die Angst, Freiheiten zu verlieren) etwas vergessen.

Bilder und Erfahrungen „am eigenen Leib“, gekoppelt mit spielerischen oder kompetitiven Ansätzen sind also nach wie vor starke Transportvehikel. Vor allem dann, wenn nicht nur vornehm informiert, sondern auch bewegt werden soll. Ich träume etwas: Wie wäre es, wenn der Bund im Rahmen der Energiestrategie ein behördliches Stromsparziel von 27% formulieren würde und die Kantone und Gemeinden ins Wetteifern kämen, wer dieses Ziel am meisten übererfüllt? Oder dasselbe mit gefahrenen Autokilometern – nicht bloss im „bike to work“-Monat…

Ideengallerie und hübsche Kaktusgärtchen auf safourwater.com

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