Aussterbende Dinosaurier und Science-Communication als Jungbrunnen

Kathedrales Auftreten: Das Redaktionsgebäude des San Francisco Chronicle
Kathedrales Auftreten: Das Redaktionsgebäude des San Francisco Chronicle

Letzten Freitag hatte ich die Gelegenheit mit dem Science Editor des San Francisco Chronicle zu reden. Ich hatte ihm gemailt, weil ich seinen Artikel über El Niño und Küstenerosion gelesen habe.Er hat mich auf die Redaktion eingeladen. Erst als ich meinen Kolleginnen und Kollegen auf der Swissnex erzählt habe, zu wem ich gehe, wurde mir klar, dass ich DEN Wissenschaftsjournalisten der ganzen Region „erwischt“ habe. David Perlman ist eine Institution. Er ist 96 (ja: sechsundneunzig!) und hat immer noch sein Büro beim Chronicle. Liest Science, Nature oder PLOS Paper und liefert jede Woche zwei bis drei Artikel ab, inklusive online Versionen, versteht sich.

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David Perlman

Was Perlman als Reporter seit 1940 alles erlebt und beschrieben hat, würde Bücher füllen. Zur Wissenschaft ist er durch einen Skiunfall gekommen. Mit einem komplizierten Beinbruch lag er 1959 lange im Spital. Ein Freund brachte ihm Fred Hoyles Buch: The nature of the universe. „Erst fand ich es seltsam, ein Buch über Astronomie zu lesen, aber dann hat es mich fasziniert und es war sehr unterhaltsam. Ich hatte ja Zeit“, sagt er. Dann hat er den Berkeley Astronomen George Herbig interviewt und kam nicht mehr weg von den Wissenschaftsgeschichten. Als „echter“ Reporter schrieb er oft auch im Grenzbereich von Forschung, Politik und Recht. Zum Beispiel über die Wasser-Streitereien zwischen Kalifornien und Arizona oder über die aufkommenden Offshore Ölförderung vor der Küste. Am meisten ins Schwärmen kommt Perlman, wenn er von der Teilnahme an Forschungs-Expeditionen erzählt – Galapagos, Antarktis oder Äthiopien, waren einige der Ziele. „Heute schickt uns die Zeitung nicht mehr raus“, bedauert er den Abbau, der auch beim Chronicle spürbar ist (von über 600‘000 Auflage sind aktuell noch rund 250‘000 geblieben). Zwar wird er ständig auf Konferenzen eingeladen – „aber wer fährt denn schon weit, bloss um einigen Leuten bei einem Vortrag zuzuhören?“, frag er rhetorisch.

Zeit für meine Fragen. Wie kommt er an die Themen? Die Antwort ist in Perlmans Büroecke sichtbar: Aktuelle Ausgaben von wissenschaftlichen Magazinen türmen sich. Und auf dem PC-Bildschirm ist Eurekalert (the Global Source for Science News) offen. Aber Perlman räumt ein: „Die wichtigste Quelle sind die Pressemeldungen der Institutionen, auch wenn vieles Mist ist“ Den Umfang des Mists schätzt er auf über 70% – „unwichtig, unverständlich, selbst bei guten Themen schlecht geschrieben“, sind einige der Attribute, die er dieser Flut verpasst. Und doch attestiert er vielen Kommunikationsleuten an den Unis hohe Qualität: „Ich würde lügen, wenn ich behauptete, sie würden mir nicht helfen.“ In erster Linie, so Perlmann, müssten die Kommunikationsspezialisten jedoch den Forschenden helfen, zu erklären, was sie herausgefunden haben. „Den Lead, der Öffentlichkeit und den Medien zu erklären, warum das wichtig ist, dürfen sie aber nicht aus der Hand geben“, warnt er.

Was hält er von Scientainment – der Entwicklung, dass Wissenschaft auf möglichst unterhaltsame Art vermittelt werden will (Nerd Nites und das halbe Bay Area Sceince Festival sind Beispiele davon)? „Sehr gut, vor allem für junge Leute. Irgendwie muss man die Leute ja ins Zirkuszelt bringen“, sagt er. Dreiviertel aller Forschenden, die er frage, woher die Faszination für ihr Gebiet komme, würden auf ausserschulische oder zusätzliche Aktivitäten verweisen, die Jugend-Astronomiegruppe, das Naturschutz-Pflegeteam, Anlässe der California Academy of Science für Kids etc. „Ich nehme nicht an, dass mehr als zwei oder drei durch den Chronicle motiviert wurden“, schmunzelt er.

Was hat sich geändert in der Medienwelt? Perlmans Beobachtung: Als Folge des Internets sind die übrigen Medien dazu übergegangen, vieles lokal zu machen. Auch global wichtige Themen oder eine Studie aus Indien werden also mit Meinungen oder Side-Stories aus der Region kombiniert. „In der Bay Area ist es nie ein Problem, jemanden zu finden, der Stellung nehmen kann, oder an einem ähnlichen Thema forscht“, sagt der alte Hase.

Am liebsten ist es ihm natürlich, wenn die Erkenntnis wichtig ist und lokal entstanden ist. Kurz vor meinem Besuch hat er den Artikel für den Tag darauf fertiggestellt. Eine in Science veröffentlichte Studie aus Berkeley zeigt auf, dass es vermutlich einen Zusammenhang gibt zwischen dem Einschlag eines Asteroiden im Golf von Mexico und der verstärkten Vulkanaktivität in Indien. Beides zusammen hat zum Aussterben der Dinosaurier geführt. Perlmans Artikel beantwortet (in diesem Fall) eine weitere Frage: Sind es die Pressestellen der Universitäten oder die Medien, welche wissenschaftliche Themen zuspitzen? Der Titel in Nature war „State-shift in Deccan volcanism (…) possibly induced by impact“ – also: „Die plötzliche Veränderung der Vulkanaktivität wurde möglicherweise durch den Meteoriteneinschlag ausgelöst.“ Der Titel der (guten) Pressemitteilung von der University of California aus Berkeley wird deutlicher: „Asteroid impact, volcanism were one-two punch for dinosaurs“ – „Der Einschlag und der Vulkanismus waren ein Doppelschlag für die Dinos“; der Titel im Chronicle schliesslich hiess: „Mystery of mass extinction cleared up“ – „Das Rätsel des Massenaussterbens aufgeklärt“.

Meine Analyse: Sowohl die Berkeley Pressestelle als auch der Chronicle drücken im Titel nicht den Kern der Forschung aus, sondern locken die Leser. Das ist legitim. Sowohl die Pressemeldung als auch Perlmans Artikel sind dann nämlich sehr differenziert. Kern der Studie ist aber nicht das unbestrittene Aussterben der Dinos, sondern die Frage, ob der Meteoriteneinschlag die (auf der geologischen Zeitskala) plötzlich angestiegene Vulkanaktivität ausgelöst haben könnte. Das Berkeley-Team hat dafür Indizien geliefert. Mit neuen Datierungen von Lava aus Indien haben die Forschenden die zeitliche Nähe der Ereignisse aufgezeigt. Die zwei Lager (schuld waren die Vulkane vs. schuld war der Meteorit) nähern sich also an. Und nach dem Streit zwischen Hoyles Theorie zum Universum (steady state) gegen die Urknall-Verfechter ein weiterer Diskurs, der Wissenschaftsjournalisten jung hält.

P.S. Titel der Aargauer Zeitung: „Dinosaurier-Sterben: War Asteroiden-Einschlag nicht alleine schuld?“;
Titel im Spiegel: „Neue Theorie: Vulkane oder ein Meteorit – was löschte die Dinosaurier aus? Beides!“

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