Sex sells – not only

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Bye bye SanFrancisco (für einen Abend). Fähre nach Oakland.

Mit der Fähre über die Bay und Abendessen im “originalen” Chinatown von Oakland. Dann geht’s in einen Hinterhof, drei düstere Treppen hoch und wir stehen im Club21, „Bay Area‘s Number 1 Latin Club“. Doch heute ist keine Salsa-Disco angesagt und auch kein Amateur-Stripp-Abend (was gemäss Plakat in der Toilette dort auch stattfindet), sondern Wissenschaft. Science-Communication pur, sozusagen: Nerd Nite – frei übersetzt die Nacht der Angefressenen – ist eine mittlerweile an vielen Orten durchgeführte Veranstaltung, bei der jeweils 2-4 Referenten ein manchmal abseitiges, aber immer ernst gemeintes Thema in einer Bar vortragen. Voraussetzung ist, dass sich die Referenten ihrem Thema mit Leidenschaft widmen, darin eben „Nerds“ oder Experten sind.

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Faszinierende Arachniden.

Das Programm der 34. East Bay Nerd-Nite beginnt im Stil eines klassischen Schüler Vortrages an einer Schweizer Mittelschule: Eine junge Frau präsentiert Filmplakate, die zeigen, wie Spinnen in unzähligen Streifen als Horrorviecher aufgebaut werden. „Dabei sind sie doch sooo herzig“, schliesst sie ihre Einführung. Doch dann geht das Feuerwerk ab. Biologin Lauren Esposito von der California Academy of Science hält die fast 150 Gäste eine halbe Stunde lang völlig in Bann. Warum Spinnen und Skorpione seit Millionen von Jahren viel mehr können, als seit Gotthelfs Schwarzer Spinne Bösewichte zu spielen. Aphrodisiaka, Krebsmittel und Antibiotika produzieren ist dabei nur EIN Aspekt. Das Sternen-GPS der Sand-Skorpione – darum sind deren Augen im Laufe der Evolution nach oben gewandert – ein anderer. Besonders aufmerksam war das Publikum bei den diversen Balz- und Sexualvarianten, die von Arachniden praktiziert werden. Sehr passend nach der Folsom Street Parade vom Sonntag, wo solche skurilen Rituale unter den homo sapiens zu beobachten waren. Lachend und staunend hingen die Zuhörer Esposito an den Lippen. Höhepunkt war ein Video, welches zeigt, dass Skorpionmännchen nicht nur hübsch tanzen beim Werben um ein Weibchen, sondern auch stundenlang coole Rhythmen trommeln – Body Percussion in Reinkultur.

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Marmorieren mit Live Demo

Nach exakt 10minütiger Pause für die Bierbestellung an der Theke kam Alex Preston im farbenfroh marmorierten T-Shirt auf die Bühne und führte in die Technik des Marmorierens ein. Handwerk oder Kunst? Für Preston ist es klar Kunst. Nicht repetierbar und daher auch als Sicherheitsmerkmal auf Buchseiten oder Banknoten verwendet. Auch dieser Vortrag kommt unterhaltsam daher. Zum Schluss gibt es mit Projektorkamera eine Live-Peformance: So schööön.

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Keine Berührungsängste.

Schliesslich trat die Biomedizinerin und Physiologiedozentin Dani Behonick auf. Ihr Thema: Female Ejaculation. Sie goss ihr Referat geschickt in Fragen. Gibt es die Ejakulation bei der Frau überhaupt? Woher kommt das Ejakulat? Was ist es? Die Gäste blieben dran: „Wofür ist es von Nutzen?“ fragte eine Zuhörerin.

Überhaupt zeigte sich auch an diesem Anlass (wie schon beim Besuch der Kläranlage), dass das Publikum sich nicht bloss beschwatzen oder unterhalten lassen will, sondern wissbegierig ist und aktiv mitgeht. Nach allen drei Vorträgen musste die Fragerunde abgebrochen respektive auf direkte Gespräche verschoben werden, was beim letzten Thema der einen oder dem anderen wohl auch Recht war…

Es gab auch schon Nerd nites oder ähnliche Anlässe in Zürich. Doch wäre eine ganze Reihe bei uns erfolgreich? Fehlen gute RednerInnen oder ist das Publikum nicht da? Schwer zu sagen. Herkömmliche Sonntagsmorgenanlässe von Naturwissenschaftlichen Gesellschaften, Hoch- oder Volkshochschulen schaffen es jedenfalls bisher nicht, das Format bei uns zu etablieren und ein anderes (vor allem auch jüngeres) Publikum abzuholen als die eh schon Interessierten. Also warum nicht den Ausbruch aus dem Campus oder der Bibliothek wieder einmal wagen und in die Disco umziehen mit einem solchen Anlass? Drogen im Abwasser, die asexuelle Vermehrung der Daphnien, das (auf den ersten Blick) unlogische Hygieneverhalten der Dorfbevölkerung oder die Regenmessung mit Mobilfunkverbindungen – es gäbe wohl auch an der Eawag ausreichend Themen, die sich Nerd-mässig aufbereiten liessen.

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